Die Decke über Berlin

Alles ist ausgebremst, eingefroren, verunsichert.

Nur das Licht, das ist klar und kantig wie eh und je zu dieser Jahreszeit. Zarte Frühlingsgefühle kollidieren mit dem Stillstand der Dinge.

Es fällt mir schwer innezuhalten. Ich darf noch spazieren, daher mache ich mich auf und schaue mir meine Stadt an. Vieles erkenne ich wieder, aber manches ist auch befremdlich anders. Im Radio höre ich den Begriff „Zwischenraumkompetenz“, das ist das, was wir nun bräuchten. Mit dem Dazwischen klarkommen. Resilienz, das könnte das Wort des Jahres werden. Wir befinden uns in einem Schwebezustand, und je länger ich durch diese reduzierte Stadt streife, desto mehr freue ich mich über die Stille, die freundlich zunickenden Nachbar*innen an den Fenstern, das laute Gezwitscher der Vögel, den Platz auf den Bürgersteigen, die Menschen mit Zeit. Aber auch sie sind da: die Grübeleien, das Gefühl, abgeschnitten zu sein vom Rest der Welt, die täglich aktualisierten Zahlen. Mein Vater gehört zur Risikogruppe, ich mache mir Sorgen. Wann kann ich meine Eltern wieder besuchen? Was werden der Abstand und das Misstrauen wohl mit uns machen? Wo steuern wir hin?

Es liegt eine Decke über Berlin und vielleicht auch über der Welt, aber sie ist mir zum Glück noch nicht auf den Kopf gefallen. Ich versuche, ihn aufrecht zu halten und lasse mich los, in diesen ungewöhnlichen  Schwebezustand hinein.

  

Julia Baier, April 2020

Blanket over Berlin 

Everything is slowed down, frozen, unsettled. Only the light is as clear and angular as ever at this time of year. Tender spring fever collides with the standstill of things. It’s hard for me to pause.

I am still allowed to take a walk, so I set out and look at my city. I recognize many things, but some things are strangely different. On the radio, I hear the term ‘interspace competence’, which is what we need now. Dealing with the in-between. Resilience, that could become the word of the year.

 We are in a state of suspense. The longer I roam through this reduced city, the more I enjoy the silence, the friendly nodding neighbours at the windows, the loud chirping of the birds, the space on the pavements, the people with time. Yet the musings, the feeling of being cut off from the rest of the world, and the daily updated numbers are also there. My father belongs to the risk group. I’m worried. When can I visit my parents again? What do you think distance and mistrust will do to us? In what direction are we steering?

There is a blanket over Berlin, and maybe over the world; but fortunately, it hasn’t fallen on my head yet. I try to keep it upright and let go, drifting in this unusual floating state.

 

Julia Baier, April 2020